Ortgies Pistole, Seriennummer 01, 7,65 mm Browning


Diesen Monat stelle ich eine Besonderheit vor, nämlich die Ortgies Pistole mit der Seriennummer 01, die vor kurzem wieder den Weg nach Deutschland gefunden hat. Generell hatte ich die Ortgies Pistole bereits hier im vergangenen Jahr vorgestellt.


Geschichte der Ortgies Pistole

Heinrich Ortgies ließ sich am 23. April 1919 in Erfurt nieder und firmierte zunächst auf dem Gelände der ehemaligen königlich preußischen Gewehrfabrik Erfurt.

Der Erfurter Historiker Jan Wolf beschreibt auf seiner Seite "Erfurter Waffengeschichte", dass sich noch in den Jahren 1920 und 1921 die Firmenadresse am Mainzerhofplatz 13 befindet. Die Firmenbezeichnung Ortgies & Co. beziehe sich dabei die Geschäftspartner Paul Ennig und Heinrich Ortgies Schwiegersohn Karl Paßmann. Vermutlich ab 1922 übernahm die Deutsche Werke AG die Produktion der Ortgies Pistole, wo dann bis 1923 rund 450.000 Pistolen entstanden.

Ortgies selbst war kein Büchsenmacher sondern Händler und Handelsvertreter in Lüttich. Dennoch reichte er zwischen 1916 und 1921 eine Reihe von Patenten zur Ortgies Pistole ein. Der eigentliche Entwurf der Ortgies Pistole soll jedoch aus der Feder des Konstrukteurs Karl August Bräuning stammen, der vor 1920 zeitgleich mit Ortgies in Lüttich arbeitete. Dazu später mehr.


Hintergrund zur Pistole Ortgies, Nr. 1

Die Ortgies Pistole mit der Seriennummer 01 stammt aus dem Besitz des niederländischen Fachautors und Sammlers Nico van Gijn. Van Gijn hatte die Pistole aus der Geschäftsauflösung der Firma Munts, also dem Besitz von Peter Bertus Wilhelm Kersten, im Jahr 2013 erworben. Kersten und schließlich dessen Sohn waren seit dem 15. Februar 1909 Besitzer der Nederlandische Wapenhandel v/h Johan Munts in Amsterdam, damals unter der Adresse Spuistraat 113-115. Munts war Generalimporteur der Ortgies Pistole in den Niederlanden und hatte das Ladengeschäft zuletzt im Middenweg 110 in Amsterdam.

Kersten veröffentlichte 1946 ein Buch mit dem Titel Wapen en Munitie. Dort ist eine Ortgies Pistole abgebildet und die Bildunterschrift lautet: Ortgies konstruiert von K.A. Bräuning. Bräuning hatte sich in den Niederlanden niedergelassen und emigrierte von dort 1923 in die USA. Nach Auskunft der Statue of Liberty Foundation, New York, erreichte Bräuning Ellis Island (NY) am 23. Juni 1923 via Rotterdam und gab bei der Einreise als letzten Wohnort Zaandam / Niederlande an.

Zaandam liegt unmittelbar nördlich an der Stadtgrenze zu Amsterdam. Wie aus dem online verfügbaren Melderegister der niederländischen Stadt Zaandam nachzuvollziehen ist, hatte sich der 1871 in Suhl geborene Bräuning bereits 1897 mit seiner Familie dort niedergelassen. Als Beruf gab er „Waffenkontrolleur“ an. Zaandam liegt im Norden Amsterdams, unweit des Munts-Ladengeschäfts. Ähnlich wie Ortgies war Bräuning viel unterwegs und arbeitete in den Folgejahren nachweislich in Suhl, Lüttich und Berlin.

1920 kehrte er nach Zaandam zurück, um dort einen metallverarbeitenden Betrieb aufzubauen, für den er im gleichen Jahr eine Baugenehmigung beantragte. Ob dieses Ansinnen erfolgreich war, kann bezweifelt werden, denn am 23. Juni 1923 emigrierte Bräuning via Rotterdam und Ellis Island (NY) in die USA. Dort arbeitete er als Ingenieur in Stamford, Connecticut, bei der Firma Yale & Towne Manufacturing Company.
Trotz 76 Patenten, zumeist mit Waffenbezug, sind von Karl August Bräuning keine Waffen unter eigenem Namen bekannt. Gemäß Patent AT81603, Befestigung für Visiere von Feuerwaffen, angemeldet am 10. November 1918, lebte Bräuning zu dieser Zeit in Lüttich. Und auch Ortgies war, wie wir aus seinem Nachruf und Patentanmeldungen wissen, 1918 noch in Lüttich tätig. Beispielsweise nennt das Patent DE349063, Selbsttätige Feuerwaffe, patentiert ab 27. Juni 1918, Lüttich als Wohnort. Es ist also möglich, dass sich Ortgies und Bräuning aus der Lütticher Zeit gekannt haben und Bräuning seine Pistolenkonstruktion Heinrich Ortgies zur Umsetzung anbot.


Bräuning jedenfalls lebte ab 1920 wieder in Zaandam in einer kleinen Reihenhaussiedlung in der Herengracht 39. Ein Blick ins Melderegister verrät, dass in der Nachbarschaft in der Zeemansstraat 0, nur 100m Luftlinie entfernt, ein ebenso bekannter Herr wohnte: Peter Bertus Wilhelm Kersten. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass sich Bräuning und Kersten kannten und die Information zu der in Kerstens Buch vermerkten Urheberschaft der
Ortgies-Pistole direkt von Bräuning stammte.


Bräuning könnte im Besitz der Ortgies Pistole mit der Nummer 01 gewesen sein. Weil Bräuning die Pistole aber vermutlich nicht mit in die USA mitnehmen konnte, verkaufte er die Waffe an Kersten. Die Ortgies Pistole befand sich seither im Besitz der Familie Kersten und war über viele Jahre im Ladengeschäft ausgestellt, wo sie van Gijn schließlich bei der Geschäftsauflösung kaufte. Als Beleg dafür, dass sich die Waffe über Jahrzehnte im Besitz Munts befand, dient eine Bescheinigung der Niederländischen Polizei, die der Waffe beilag. Demnach verlieh Munts die Ortgies als Requisit an den niederländischen Filmemacher Leo Thonhauser für Filmaufnahmen auf dem Campingplatz Amsterdamse Bos. Die Bescheinigung ist datiert auf den 14. April 1969.


Besonderheiten

Die Pistole hat die seltene 1. Beschriftungsvariante auf der linken Seite

ORTGIES & Co - ERFURT
ORTGIES’ PATENT


Es handelt sich damit also eindeutig um eine frühe Variante. Auf der Unterseite des Verschlusses befindet sich eine 6 und ein kursives R. Auf der linken Seite des Griffstücks befindet sich ebenfalls ein kursives R. Die Abzugsstange trägt die Nummer 1.

Die Visierrinne auf der Oberseite des Schlittens ist im Vergleich zur Serien-Ortgies leicht geriffelt. Die Verschlussfeder ist aus einem Draht mit eckigem Querschnitt, im Vergleich zu Runddraht bei der Serienvariante. Die Griffschalen sind ohne Griffmedaillon. Das Magazin ist markiert mit 9m/m auf der linken und 7,65 m/m auf der rechten Seite.

Auf der rechten Schlittenseite unterhalb des Ausziehers erkennt man am Farbunterschied der Brünierung einen in das Verschlussstück eingearbeiteten Einsatz, der im Inneren des Schlittens zu einer Führungsleiste ausgeformt ist, die in die Führungsnuten des Griffstücks eingreift. Diese Leiste ist bei der Serien-Ortgies aus dem Vollen gefräst.

Die Pistole verfügt, im Gegensatz zur Serien-Ortgies über eine funktionierende Magazinsicherung. Es handelt sich aber nicht um die im DRP 303879 vom 12. Juli 1916 von Ortgies patentierte Sicherung, die über eine Nase am Abzugszüngel wirkt, die in den Magazinschacht hineinragt.


Im Vergleich zur Serie ist kaum ein technischer Unterschied feststellbar, mit Ausnahme einer leicht veränderten Ausfräsung für die Steuerkurve der Abzugsstange. Möglicherweise wird hierüber erreicht, dass das eingeführte Magazin die Stange etwas anhebt, sodass sich wegen der Lagerung um einen Drehpunkt der Abzugsstollen leicht senkt. Bei Betätigung des Abzugs senkt sich der Abzugsstollen nun so weit, dass der Schuss ausgelöst wird. Ohne eingeführtes Magazin hingegen, reicht die Absenkung durch den Abzug nicht, um den Schlagbolzen freizugeben. Diese Art der Magazinsicherung erfordert eine sehr genaue Fertigung, da der Unterschied zwischen Funktion und Nicht-Funktion minimal und möglicherweise auch abhängig von den passenden Abmessungen des Magazins ist. Vermutlich war diese für die Serienproduktion zu aufwendig und zu unsicher.


Fazit

Bei der Ortgies Nr. 01 handelt es sich ganz klar um einen Prototyp mit Details, die sich in der Serienfertigung nicht mehr finden. Die Geschichte der Waffe lässt sich zum großen Teil nachvollziehen, teils mit starken Indizien belegen.

Besonders interessant ist dabei die Verbindung zwischen Bräuning und Kersten und wie die Pistole schlussendlich in den Besitz Kerstens gekommen ist. Fakt ist, dass Nico van Gijn die Pistole aus dem Besitz der Familie Kersten erwarb. Nun ist die Pistole nach rund 100 Jahren wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Portrait von Peter Bertus Wilhelm Kersten,

Quelle:

http://resources.huygens.knaw.nl/retroboeken/persoonlijkheden/#source=1&page=790&view=imagePane

Ortgies-Pistole abgebildet in Wapen en
Munitie, S. 722, „Ortgies konstruiert
von K.A. Bräuning".

Patentzeichnung Sicherung (nicht umgesetzt), DRP 303879

Patentzeichnung Abzugsstange, DRP 307698

Ortgies SN 01, linke Seite
Ansicht der linken Seite mit der seltenen frühen Beschriftungsvariante.
Ortgies SN 01, rechte Seite
Ansicht der rechten Seite. Deutlich sichtbar der Einsatz unter dem Auszieher.
Vergleich Schlitten
Hier der direkte Vergleich. Ortgies 01 oben, Serien-Ortgies unten.
Ortgies SN 01, Griffstück Unterseite
Die Seriennummer 01 findet sich auf der Unterseite des Griffstücks vorne.
Ortgies SN 01, Unterbrecher Detail
Die Seriennummer 1 findet sich auch auf der Abzugsstange wieder.
Ortgies SN 01, Schlittenunterseite
Gemarkt ist die Unterseite mit 6 und einem kursiven R.
Ortgies SN 01, Griffstück und Lauf, links
Im Vergleich zur Serie ist die Schließfeder kürzer und aus flachem Draht gebogen
Ortgies SN 01 Griffstück und Lauf, rechte Seite
Keine Auffälligkeiten im Vergleich zur Serie
Magazin linke Seite
Das Magazin ist standardmäßig mit 9m/m rechts und 7,65 m/m links beschriftet. Der Magazinboden ist verstiftet. Es handelt sich also um ein frühes Magazin.
Vergleich Unterseite Schlitten
Die Schlitten zwischen Ortgies 01 und Serie sind sehr ähnlich. Es fällt auf, dass die Ausfräsung für die Steuerkurve der Abzugsstange kürzer ist.
Vergleich Visierrinne
Die Visierrinne der Ortgies 01 (unten) ist im Vergleich zum Serienmodell (oben) punziert.