Armand Gavage im Kaliber 7,65 mm Browning
Vorbemerkung: Über kaum eine Taschenpistole ranken sich so viele Mythen wie über die Selbstladepistole von Armand Gavage. Informationen hierzu sind vage. Vor einiger Zeit wurde auf einer Auktionsplattform eine Gavage Pistole mit dem Titel "Armand Gavage der Heilig Gral der Wehrmachtspistolen" in mäßigem Zustand für weit über 1.000€ versteigert. An den Spekulationen über die militärische Verwendung der Pistole beteilige ich mich an dieser Stelle nicht, sondern fasse nur kurz wesentliche Aussagen aus Netzfunden zusammen, ohne dass Anspruch auf deren historische Richtigkeit besteht. Vielmehr versuche ich, mit diesem Artikel eine wesentliche historische und technische Zusammenhänge aufzuzeigen, jenseits einer möglichen militärischen Verwendung. Ein spannender Hinweis dazu findet sich im hervorragenden Werk von Josef Mötz und Joschi Schuy "Weiterentwicklung der Selbstladepistole I". Die beiden Autoren sind DIE Fachleute, wenn es um österreichische Pistolen geht. In diesem Buch findet sich ein Bild einer ÖWA-Pistole (Österreichische Werke, gemeinwirtschaftliche Anstalt) im Kaliber 7,65 mm Browning, die der Gavage Pistole zum Verwechseln ähnlich sieht. Gehen wir also auf die Spurensuche...

Firmenzeichen der Fabrique d'Armes de Guerre A. Gavage. Quelle: www.littlegun.be
Geschichte der Fabrique d'Armes de Guerre A. Gavage
Die Gavage Pistole wurde von der Fabrique d'Armes de Guerre A. Gavage aus Lüttich, Belgien produziert. Nach Informationen des Portals www.littlegun.be war Gavage in der Rue du Gros Gland 19 in Lüttich, Belgien, mindestens ab 1924 ansässig. Die Firma produzierte von etwa 1930 bis 1942 eine Selbstladepistole, also auch noch während der deutschen Besatzung, heißt es dort weiter.
Nach dem Überfall auf Belgien im Mai 1940 war Belgien unter deutsche Militärverwaltung als Besatzungsbehörde gestellt worden. Der Fachautor Anthony Vanderlinen schreibt hierzu in seinem Buch "FN Browning Pistols, Vol II", dass mit Beginn der Besatzung das Beschussamt in Lüttich seine Arbeit einstellte und die Prüfbeamten ihre Prüfstempel mitnahmen. Die Deutschen hätten das belgische Beschusswesen anerkannt und bereits geprüfte Waffen nicht nachgestempelt. Noch nicht geprüfte Waffen erhielten einen militärischen Beschussstempel "Adler über Hakenkreuz". Fände sich nur dieser Stempel und kein Waffenamtsstempel, so handele es sich um einen Beschuss für zivile Pistolen, so Vanderlinden.
Im Internet kursiert die Behauptung, dass insgesamt rund 5.000 Gavage Pistolen hergestellt wurden und sich rund 1.500 davon in Verwendung bei der Wehrmacht befunden hätten. Die Zahl 5.000 lässt sich anhand der bekannten Seriennummern recht zuverlässig schätzen. Explizite Belege für eine militärische Verwendung kenne ich nicht. Interessant ist, dass bei den bekannten Pistolen belgische Beschussstempel und deutsche, militärische Beschussstempel über den gesamten Seriennummernbereich auftauchen. Es finden sich also Pistolen im niedrigen dreistelligen SN-Bereich mit militärischem Beschuss und genauso wie Waffen jenseits SN 4000 mit belgischen Beschuss.
Ich kann mir das nur so erklären, dass das gesamte Los von rund 5.000 Pistolen bereits beim deutschen Überfall auf Belgien fertig, bzw. mindestens weißfertig vorlag. Ggf. waren auch schon Pistolen, dem belgischen Beschussamt vorlegt worden. Mit Überfall fielen die Pistolen in die Hände der Besatzer und der noch nicht beschossene Rest wurde dann durch die Deutschen geprüft. Dass die Waffen dann (organisiert) auch in die Hände von Wehrmachtssoldaten oder Sicherheitskräften gefallen sein können, erscheint zumindest plausibel.
Spannender finde ich die Verbindung zu ÖWA. Mötz und Schuy schreiben, dass das österreichische Bundesheer 1922/23 eine neue Faustfeuerwaffe suchte. In die engere Auswahl kamen drei von österreichischen Herstellern angebotene Pistolen im Kaliber 7,65 mm Browning: Die bekannte STEYR-Kipplaufpistole Modell 1909, die LITTLE TOM der Wiener Waffenfabrik und eine ÖWA Pistole. Zu ÖWA und der kleineren Pistole im Kaliber 6,35 mm Browning hatte ich bereits hier geschrieben. Die LITTLE TOM schied als ungeeignet aus. STEYR und ÖWA wurden als gleichwertig brauchbar befunden. Wohl aus Kostengründen nahm das Bundesheer jedoch von einer Beschaffung Abstand. Die ÖWA ging nie in Produktion. Laut Wiener Beschussprotokoll wurden von Januar bis Mai 1923 lediglich sieben Pistolen im Kaliber 7,65 mm Browning beschossen, so die beiden Autoren.
Bereits 1922 war ÖWA in finanzielle Schieflage geraten. Den Betriebsräten wurde Abgehobenheit und die Verfolgung eigener Interessen vorgeworfen. Managementfehler, Misswirtschaft, Diebstähle durch die Belegschaft und die allgemein schwierige politische und wirtschaftliche Lage der 1920er Jahre taten ihr Übriges. Bereits 1925 blieb von ÖWA nur die Maschinenfabrik übrig, Bis 1929 wurde das Unternehmen treuhänderisch liquidiert. Die Konzession für das Waffengewerbe erlosch am 18. November 1929, nachdem alle noch vorhandenen Waffen und Waffenteile abverkauft worden waren.
Nun ist der Zusammenhang vom Ende der ÖWA 1929 und angeblichem Beginn der Fertigung einer Selbstladepistole bei der Fabrique d'Armes de Guerre A. Gavage 1930 zumindest augenscheinlich möglich. Traditionell pflegten österreichische und belgische Waffenhersteller gute Kontakte. STEYR hatte bspw. für sein Modell 1909 die Patente von Nicolas Pieper erworben. Möglicherweise erwarb also Armand Gavage die Rechte an der ÖWA Pistole aus der Konkursmasse der Österreicher... Wir wissen es nicht mit Sicherheit. Ganze Waffen oder Waffenteile wechselten vermutlich jedenfalls nicht den Besitzer, denn die Auflösung der ÖWA und die Vermarktung der Restlichen Pistolen ist relativ gut dokumentiert. Auch lassen die minimalen äußerlichen Unterschiede zwischen ÖWA und Gavage vermuten, dass es sich um eine eigene Fertigung auf Basis der österreichischen Konstruktion handelt.
Technik und Varianten
Bei der Gavage handelt es sich um eine Selbstladepistole mit Masse-Verschluss und Hahnschloss im Kaliber 7,65 mm Browning. Die Pistole besteht im Wesentlichen aus drei Baugruppen: Griffstück, Verschluss und Verschlussführung mit dem Lauf.
Verschlussführung und Lauf sind aus einem Stück gefräst, der Lauf gebohrt. Oberhalb des Laufs befindet sich eine zweite Bohrung mit der Schließfeder. Die Schließfederstange ist am Ende in einen Zapfen (sog. Verschlussführungsstück) eingeschraubt. Das Verschlussführungsstück gleitet in einer Fräsung der Verschlussführung, greift in eine runde Fräsung des Verschlusses ein und stellt so die Verbindung her. Die Verschlussführung ist in eine schwalbenschwanzförmige Nut im Griffstück und hinten in ein T-förmiges Widerlager eingeschoben. Ein Drehhebel mit einer halbmondförmigen Welle auf der linken Seite des Griffstücks vor dem Abzug, sichert das Oberteil in seiner Lage. Legt man den Drehhebel in die Demontageposition, so lässt sich die Verschlussführung und Verschluss rund zwei Zentimeter nach hinten schieben. Die Verschlussführung gleitet sodann aus dem Schwalbenschwanz und dem T-förmigen Widerlager und lässt sich nach oben abheben.
Der Abzug ist mit einer Schraubenfeder unterstützt. Die Abzugsstange verläuft unter der rechten Griffschale und greift am Abzugsstollen an. Die Hebelsicherung liegt hinten auf der linken Seite des Griffstück und sperrt über eine halbmondförmige Welle direkt den Abzug.
Schlagbolzen und Schlagbolzenfeder sind mit einer winzigen Madenschraube im Verschluss gesichert. Der Auszieher liegt außen rechts am Verschluss. Der Hülsenauswurf erfolgt nach rechts.
Die Visierung besteht aus einer Visierrinne mit einem langgezogenen Korn. Der Magazinhalter liegt an der Unterseite des Griffstücks vor der Fangriemenöse. Das Magazin ist aus Stahlblech, fasst sieben Patronen und hat beiderseits sechs Sichtlöcher zur Füllstandkontrolle. Es finden sich brünierte und vernickelte Magazine. Die Griffschalen sind aus glattem Holz oder Hartplastik. Die Plastikgriffschalen sind mit einer einzigen durchgehenden Schraube befestigt. Sie sind mit Fischhaut versehen und schließen oben mit einem Oval ab mit den verschlungenen Buchstaben "AG".
Die Gavage Pistolen sind, wie bereits oben beschrieben, uneinheitlich, quer über alle Seriennummern mit belgischen oder deutschen, militärischen Beschusszeichen gemarkt. Herstellerangaben, bis auf das "AG" der Plastikgriffschalen finden sich zumeist nicht. Einzig ist auf einigen Pistolen rechts am Griffstück ein kleines "AG" im Kreis eingeschlagen. Rechts vorne über dem Abzugsbügel steht manchmal die Kaliberangabe 7,65 BR. Der Demontagehebel ist bei einigen Waffen mit "POSITION NORMALE"und "POSITION DE DEMONTAGE" beschriftet. Die Sicherung ist manchmal markiert mit "SURETE" und "TIR". Einige Pistolen sind brüniert, andere metallisch blank. Dies alles spricht dafür, dass die Pistolen hastig, teilweise aus lagernden, weißfertigen Teilen zusammengesetzt wurden.
Fazit:
Die Gavage Pistole ist relativ selten anzutreffen. Entsprechend hochpreisig werden sie gehandelt. Alles in allem handelt es sich um eine einfache und solide Pistole, die ihren gedanklichen Ursprung vermutlich in Österreich hat. Als ÖWA Pistole hatte sie sich immerhin bei der Auswahl um eine neue Dienstpistole des Bundesheeres durchgesetzt. Möglicherweise sicherte sich dann die Fabrique d'Armes de Guerre A. Gavage die Rechte an der Pistole nachdem ÖWA insolvent ging und abgewickelt wurde. Doch auch schon 1930 war die Gavage gegen die Konkurrenz der Walther PP (1929) und PPK (1931) hoffnungslos veraltet. Möglicherweise schlummerten die, teilweise noch weißfertigen, Pistolen einen Dornröschenschlaf, wurden erst um 1940, kurz vorm deutschen Überfall, wiedererweckt und fielen dann den Deutschen in die Hand. Kaum anders zu erklären ist das Sammelsurium aus belgischen und militärischen Beschüssen, Holz- oder Plastikgriffschalen und sonstigen Markierungen oder eben deren Fehlen. Gerade deshalb ist die Gavage eine Pistole, die einen Blick lohnt.

Abbildung einer ÖWA Pistole 7,65 mm, in Mötz/Schuy "Weiterentwicklung der Selbstladepistole I", S. 307.

Armand Gavage Pistole im Kaliber 7,65 mm Browning; die Ähnlichkeit zur ÖWA ist unverkennbar.

2020 wurde im Auktionshaus Hermann Historica eine Pistole im Kaliber 4,25 mm Liliput mit Perlmuttgriffschalen versteigert. Sie erinnert an eine Gavage. Die Pistole trägt weder Beschuss- noch Herstellerkennung. Pistolen in diesem Kaliber sind eigentlich typisch für Österreich, nicht Belgien. Ob es sich um eine Pistole von Gavage handelt, ist unklar. Die Herstellerkennzeichnung könnte sich auf den originalen Griffschalen befunden haben.
Bild: Hermann Historica.

Demontagehebel auf der linken Seite des Griffstücks. Schwenkt man den Hebel nach unten, wird die Sperre in der Schwalbenschwanzführung gelöst.

Schließfederstange, Verschlussführungsstück und die korrespondierende runde Fräsung im Verschluss.

Handelszeichen AG im Kreis auf dem Griffstück einer Gavage Pistole (s. roter Pfeil).
Technische Daten
Modell | Länge | Breite | Höhe | Lauflänge | Gewicht | Patronen | Kaliber |
Gavage | 155 mm | 25 mm | 108 mm | 108 mm | 630 g | 7 | 7,65 mm Br |
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