Carl Walther Waffenfabrik, Modell 9
Vorbemerkung: Sammlern von Walther Taschenpistolen empfehle ich die hervorragenden Bücher von Manfred Kersten, "Walther - Eine Deutsche Legende" und Dieter H. Marschall, "Walther Verteidigungspistolen".
Die Walther Pistolen Modelle 8 und 9 waren die Schlusspunkte in einer Reihe erfolgreicher Taschenpistolen vor 1945. Über das Modell 8 hatte ich bereits hier berichtet; es bleibt also der Blick auf das kleinere Modell 9, das ab Mai 1922 in den Handel gelangte.
Geschichte des Modells 9
Zur Geschichte der Carl Walther Waffenfabrik habe ich bereits an anderer Stelle ausführlicher geschrieben. daher in aller Kürze: Nach dem Tod Carl Walthers 1915 hatte sein Sohn Fritz die Geschäfte der Carl Walther Waffenfabrik übernommen. Im Ersten Weltkrieg setzte Walther die Produktion seiner Taschenpistolen Modell 4, 5, und 7 fort. Nach dem Krieg jedoch brach der Markt für Waffen schlagartig ein. Viele Hersteller versuchten wieder auf dem zivilen Markt Fuß zu fassen. Gesellschaftlich war die Zeit unruhig, die Straßen unsicher. Und so begann die Hochphase der Taschenpistolen. Der Trend zeigte auf immer kleinere, leicht verdeckt zu führende Pistolen. Bereits 1919 meldet Walther daher eine Reihe von Patenten an, die die Grundlage für einen grundlegenden Modellwechsel bildeten. Und so kamen 1922 in kurzer Folge zunächst das Modell 8 und im Mai 1922 dann das kleinere Modell 9 auf den Markt. Das Modell 8 und 9 sind dabei die ersten Walther Pistolen, auf denen die Modellbezeichnung aufgebracht wurde. Kersten schreibt, dass die Produktion des Modell 9 bereits Ende 1921 startete mit rund 80 Pistolen am Tag. Ziel von Walther war es, zur Markteinführung rund 20.000 Pistolen fertig zu haben, so Kersten weiter.
Walther bewarb das Modell 9 recht intensiv und hatte es - neben PP und PPK - noch recht lange im Programm. Marschall vermutet, dass das Modell 9 bis 1940 gefertigt und möglicherweise noch bis 1943 Pistolen aus vorhandenen Teilen hergestellt wurden. Kersten schreibt sogar, dass das das Modell 9 bis 1945 produziert wurde. Im zweiwöchentlich erscheinenden Magazin Der Waffenschmied finden sich Hinweise, dass das Modell 9 noch mindestens bis 1939 im Handel angeboten wurde.

Patentzeichnung des Deutschen Reich Patents 319461 zur Befestigung der Griffschalen.

Frühes Verschlussstück links, spätes rechts. Zu sehen sind die unterschiedliche Aufnahme für die Schließfeder sowie die breitere Visierrille (rote Pfeile).

Blick auf den Verschlusshalter; links früh, rechts spät. Die Waffe links ist gespannt. Ein Stift tritt durch das Loch sicht- und fühlbar hervor. Auch erkennbar die unterschiedliche Riffelung.

Griffschalen mit unterschiedlichen Medaillons sowie mit und ohne Walther Schleife.

Unterschiedliche Magazinböden. Oben: früh, ohne Walther Schleife; unten: spät mit Schleife.
Technik und Patente
Ab 1918 hatte Fritz Walther mit einer Reihe von Patenten den Grundstein für die Modelle 8 und 9 gelegt. Drei dieser Patente fanden beim Modell 9 Anwendung:
Es geht hierbei um die Befestigung der Griffschalenmedaillons.
Es geht darum, dass der Drehzapfen des Hammers oder Hahns zugleich als
Drehsicherungswelle für den Sicherungshebel ausgebildet ist.
Es handelt sich um eine Verbesserung des Patents DRP319461. Eine Schraube, die zur
Befestigung der Griffschalen am Griffstück dient, greift in eine als Firmenschild ausgebildete
Scheibe, welche von außen in die Griffschalen eingelassen ist, ein.
Beim Modell 9 handelt es sich um eine Selbstladepistole mit Masseverschluss und Schlagbolzenschloss im Kaliber 6,35 mm Browning. Wesentliche Baugruppen sind Griffstück und Verschlussstück.
Griffstück und Lauf sind eine Einheit. Der Lauf ist in den Laufträger des Griffstücks von hinten eingepresst. Der Laufträger reicht bis zur Mündung und steht vorne frei. Die Schließfeder liegt unterhalb des Laufs in einer separaten Ausfräsung. Hinten sitzt sie in einer Bohrung unterhalb des Patronenlagers. Vorne liegt sie an einem Querriegel des Verschlussstücks an. Bei frühen Pistolen besitzt der Querriegel in der Mitte eine Bohrung. In der Schließfeder sitzt ein pilzförmiger Stift, der in dieser Bohrung zu liegen kommt. Bei späteren Pistolen steht anstelle der Bohrung ein kleiner Stift heraus, der die Feder hält.
Die Drehhebelsicherung befindet sich auf der linken Seite vor der Griffschale und wirkt auf den Abzugsstollen. Späte Exemplare weisen zusätzlich eine Magazinsicherung auf, die auf die Abzugsstange wirkt. Die T-förmige Abzugsstange liegt auf der rechten Seite unter der Griffschale und hat einen nach oben laufenden Arm. Dieser Arm wird nach unten gedrückt, wenn das Verschlussstück nicht in seiner vorderen Position ist. Damit ist die Abzugsstange vom Abzugsstollen entkoppelt (Schließsicherung). Wenn die Pistole vollständig geschlossen ist, ragt er Arm in eine Ausnehmung des Verschlussstücks hinein und die Abzugsstange kann den Abzugsstollen erreichen.
Das Verschlussstück enthält Schlagbolzen und Schlagbolzenfeder. Der Hülsenauswurf erfolgt nach oben. Der Auszieher liegt innen in einer Bohrung oberhalb des Schlagbolzens. Das Verschlussstück wird durch einen am Ende des Griffstücks liegenden Verschlusshalter geführt und fixiert. Unterhalb des Verschlusshalters liegt eine Sperrklinke. Drückt man diese nach unten, springt der gefederte Halter nach hinten und gibt das Verschlussstück frei, das dann nach hinten, oben abgehoben werden kann. Der Verschlusshalter hat oben eine Bohrung, durch die das hintere Ende eines im Schlagbolzenkanals liegenden Stifts bei gespannter Waffe sicht- und fühlbar nach außen tritt (Spannanzeiger). Bei frühen Pistolen ist der Verschlusshalter wellenförmig geriffelt, später waagerecht.
Die Visierung besteht aus einer Visierrille und einem halbmondförmigen Korn. Bei späten Pistolen wird die Visierrille verbreitert.
Der Magazinhalter liegt unten am Griffstück. Das Magazin ist aus Stahlblech mit fünf Sichtlöchern auf jeder Seite und fasst sechs Patronen. Späte Magazine zeigen auf dem Magazinboden die Walther Schleife. Zudem findet sich bei späten Magazinen auf der linken Seite unten ein großes Loch.
Die Griffschalen aus Hartgummi werden durch jeweils eine Schraube gem. den o.g. Patenten gehalten. Frühe Pistolen haben ein blau-goldenes Emaille-Medaillon, links mit "CW" und rechts mit "6,35". Später wird dieses durch eine brünierte Metallscheibe ersetzt. Die Griffschalen sind mit Fischhaut versehen. Bei späten Griffschalen findet sich zusätzlich die Walther Schleife.
Standardmäßig wurde die Pistole hochglanzbrüniert als sog. Modell 9a ausgeliefert. Eine Pistole mit fabrikmäßiger Ätzgravur wird als Modell 9b bezeichnet. Die Bezeichnungen finden sich jedoch nicht auf dem Verschlussstück; dort steht lediglich "Mod. 9". Gegen Aufpreis waren verschiedene Oberflächenbeschichtungen (Chrom, Nickel, Gold), Gravuren sowie Holz, Perlmutt und Elfenbeingriffschalen erhältlich.
Varianten
Die Beschriftung des Verschlussstücks links lautet:
Walther’s Patent Mod. 9.
(Walther Schleife)
Auf der rechten Seite steht:
Waffenfabrik Walther Zella-Mehlis (Thür.)
Marschall unterscheidet vier Varianten:
1. Variante (SN 410001 bis 428000)
Der Abzug dieser Pistole wird durch eine Spiralfeder gestützt. Die Schließfeder ist vorne im Verschluss durch einen pilzförmigen Stift gehalten. Der Zubringer des Magazins besteht aus einem tiefgezogenen, geschlossenen Blechprägeteil. Der Magazinboden ist noch ohne Walther Schleife. Die Griffschalen tragen meist das Emaille-Medaillon und sind ebenfalls noch ohne Walther Schleife. Die Seriennummer findet sich rechts hinten waagrecht auf dem Griffstück.
2. Ausführung (SN 428001 bis 596900)
Ab SN 438000 zeigen die Magazine nun meist die Walther Schleife. Der Zubringer wird vereinfacht und durch ein gefaltetes Blechteil mit vorne freistehendem Ende ersetzt. Ab SN 503000 wird die Visierrille verbreitert.
3. Ausführung (SN 530000 bis 615000, Überschneidungen mit 2. Ausführung)
Ab dieser Ausführung wird anstatt des Emaille-Medaillon eine schwarze Metallscheibe genutzt. Die Feder des Abzugs wird durch eine Schenkelfeder ersetzt. Die Griffschalen weisen nun unten meist die Walther Schleife auf. Bei späteren Exemplaren findet sich bereits die Magazinsicherung.
4. Ausführung (SN 615001 bis 652000 und 192001N bis 197960N)
Die Seriennummer steht nun links hochkant vor der Griffschale. Die Schließfeder wird vorne nicht mehr durch einen pilzförmigen Konus gehalten, sondern mittels eines gefrästen Stifts. Vereinzelt finden sich immer noch Emaille-Medaillons. Der Zubringer des Magazins wird nun im Magazinkörper geführt. Ab SN 195000N (1/1940) wird als Beschusszeichen nicht mehr "Krone über N" sondern "Adler über N" gestempelt.
Ausführungen des Modell 9b mit Ätzgravur finden sich in den Nummernbereichen 502045 bis 650530 sowie 196105N bis 196950N.
Ein hochglanzbrüniertes Modell 9a kostete 1931 im Stukenbrok-Katalog 24 Reichsmark (RM). Eine vergoldete Pistole mit Gravur und Elfenbeingriffschalen kostete rund 80 RM (Preis geschätzt, basierend auf Angaben des WUM-Katalogs 1931).
Insgesamt wurden rund 248.000 Pistolen produziert.
Fazit:
Das Modell 9 ist quasi der Archetyp einer kompakten Taschenpistole der 1920er Jahre im Kaliber 6,35 mm Browning. Sie fand zahlreiche Nachahmer, wie bspw. Schmeisser Modell 2, Menz Liliput 1925, Sauer & Sohn Modell 1933 oder die FN Baby, die sich in der äußeren Form stark an die Walther Pistole anlehnen.
Insofern gehört ein Modell 9 in jede gut sortierte Sammlung deutscher Taschenpistolen und ist auch für Walther-Sammler, allen schon wegen der Vielfalt der technischen Änderungen und Ausführungen, ein Muss.
Abmessungen:
Länge | Lauflänge | Höhe | Breite | Gewicht | Magazinkapazität | |
Modell 9 | 102 mm | 51 mm | 70 mm | 17 mm | 255 g | 6 |
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