Robar & Cie, Melior Modell 1920/25
Vorbemerkung: Die Waffen des belgischen Herstellers L. Robar Fils & L. de Kerckhove, verkürzt bekannt auch unter Robar & Cie, wurden unter dem Handelsnamen Melior (und Jieffeco) vertrieben. 2020 veröffentlichten die beiden Fachautoren Vaclav Vriesen und Ed Buffaloe eine Reihe von Artikeln zu den Taschenpistolen des Herstellers (Link). Die Arbeit der beiden Autoren kann man getrost als die umfangreichste und beste Zusammenstellung zu diesen Pistolen bezeichnen, denn spezielle Fachliteratur zu Robar & Cie existiert nicht. Ich hatte Buffaloe und Vriesen mit Recherchen und Bildmaterial umfangreich zugearbeitet.
Die beiden Autoren endeten endeten beim Modell 1920. Vriesen erwähnt jedoch einen Modellwechsel im Jahr 1925, geht darauf aber nicht weiter ein. Ed Buffaloe zeigt in einem älteren Artikel aus 2011 eine gegenüber dem Modell 1920 verkleinerte Pistole und bezeichnet diese als "Modell 1920 Typ IV". Er schreibt: "I’m calling this gun the Type IV for lack of a better designation."
Der nachfolgende Artikel beschäftigt sich genau mit diesem "Modell 1920 Type IV" im Kaliber 6,35 mm Browning. Ich bezeichne die Pistole als Modell 1920/25, da sie sich - allein schon äußerlich - deutlich vom Modell 1920 unterscheidet und deshalb getrost eine eigenständige Entwicklung darstellt.
Geschichte der Robar & Cie und Entwicklung der Modelle
1906 gründeten Jean Loius Joseph Robar, sein Sohn Louis Servais Hubert Robar und Adrien Marie Joseph Ghilain Louis der Kerckhove die Waffenfabrik Robar Fils & Co in der 29 Rue Chéri in Lüttich.
Der Senior Jean Louis Robar starb 1912. Doch bereits 1910 hatte er seine Anteile an seinen Sohn übergeben, worauf der Firmenname in L. Robar Fils & L. de Kerckhove geändert wurde. 1914 registrierte Robar den Handelsnamen "Melior", lateinisch für "überragend". 1926 änderte die Firma den Namen in Robar & Cie. Das Unternehmen bestand bis 1972.
Robar hatte bereits ab 1907 verschiedene Taschenpistolen, beginnend mit den Modellen 1907 und 1911 auf den Markt gebracht. Basierend auf zwei Patenten 1913 und 1914 von Louis Robar und Edmond Tart erschien 1914 eine neue Pistole im modernem Aussehen. Nach dem Ersten Weltkrieg brachte Robar das Modell 1914 mit leichten Änderungen, nun bezeichnet als Modell 1920, recht erfolgreich heraus. Doch mit dem Aufkommen immer kleinerer Taschenpistolen, wie der Walther Modell 9 im Jahr 1922, entstand der Bedarf für eine weitere Anpassung. Das Modell 1920 wurde deutlich verkleinert und nun als Modell 1920/25 auf den Markt gebracht. Das Modell 1920 wurde jedoch scheinbar weiter nachgefragt, sodass dieses weiter gefertigt wurde.
Technik und Patente
Beim Modell 1920/25 handelt es sich um eine Selbstladepistole mit Masseverschluss und innenliegendem Schlagstückschloss im Kaliber 6,35 mm Browning. Wesentliche Baugruppen sind Griffstück, Verschlussführung und Verschluss.
Griffstück und Lauf sind eine Einheit; das Griffstück ist aus dem Vollen gefräst, der Lauf in das Griffstück gebohrt. Die Schließfeder mit einem kurzen Führungsdorn liegt unterhalb des Laufs. Sie stützt sich hinten in einer Bohrung unter dem Patronenlager ab. Vorne liegt sie mit dem Führungsdorn an einem Querriegel der Verschlussführung.
Die Hebelsicherung befindet sich auf der linken Seite leicht hinter und oberhalb des Abzugs. Sie blockiert diesen in gesichertem Zustand. Eine Griffsicherung tritt bei gespanntem Hahn nach hinten aus dem Griffstück heraus. Erst wenn die Sicherung eingedrückt ist, wird der Hahn freigegeben. Die Griffsicherung dient damit gleichzeitig als Spannanzeiger. Als weitere Sicherung ist eine Schließsicherung verbaut. Die T-förmige Abzugsstange hat hierzu einen nach oben verlaufenden Arm, der über die Verschlussführung gesteuert wird. Ist die Verschlussführung nicht vollständig in vorderer Position, wird der Arm der Abzugsstange nach unten gedrückt und die Stange vom Abzugsstollen entkoppelt.
Verschlussführung und Verschluss werden über einen Block zusammengehalten, der auf der Oberseite der Pistole in einer Schwalbenschwanzführung sitzt. Ein gefederte Hebel hält den Block in Position und dient gleichzeitig als Kimme. Der Auszieher liegt an der rechten Seite des Verschlusses und verdeckt einen Haltestift, der Schlagbolzen und Schlagbolzenfeder in Position hält. Schiebt man den Visierblock seitlich aus seiner Führung, so lässt sich die Verschlussführung nach vorne abziehen und der Verschluss nach hinten, oben abnehmen.
Der Magazinhalter befindet sich an der Unterseite des Griffstücks. Das Magazin aus Stahlblech fasst sechs Patronen und hat beiderseits fünf versetzte Sichtlöcher. Die Griffschalen bestehen aus schwarzem Hartgummi, mit eingeprägter Fischhaut und werden jeweils von zwei Schrauben am Griffstück gehalten.
Die zugehörigen Patente von Robar und Tart liegen mir nicht im vollem Wortlaut vor. Aus den nebenstehenden, mit bekannten Patentzeichnungen lässt sich jedoch schließen, dass Patent Nr. 259178 vom 4. August 1913 vermutlich die Griffsicherung beschreibt. Patent Nr. 263491 sichert die Verbindung zwischen Verschlussführung, Verschluss und Visierblock ab.
Varianten
Die Pistolen tragen auf der linken Seite der Verschlussführung folgenden Schriftzug:
MELIOR
BREVETS-259178-263491-LIEGE-BELGIUM
Frühe Griffschalen haben in der Mitte ein blau-goldenes Griffmedaillon mit der Aufschrift "MELIOR LIEGE" und in der Mitte steht "Ro". Späte Griffschalen haben ein eingeprägtes Emblem im Kreis mit der Aufschrift "MELIOR BELGIUM" und in der Mitte des Kreises "6,35". Darüber hinaus zeigt der um 1931 erschienene WUM-Katalog ein Modell 1920/25 mit einem Griffemblem mit dem Schriftzug "Melior" in Schreibschrift. Ob diese Pistole tatsächlich so vertrieben wurde, ist jedoch unklar.
Die Pistolen sind standardmäßig brüniert, vereinzelt auch in vernickelt, zu finden. Die Qualität der Oberflächenbearbeitung ist sehr gut, nimmt aber bei späten Pistolen deutlich ab. Im WUM-Katalog ist das Modell 1920/25 in der brünierten Ausführung für 7,50 US Dollar ($) zu haben. Eine vernickelte Ausführung kostet 0,40 $ mehr. Im Vergleich dazu kostet das ältere Modell 1920 6,00 $ bzw. 6,40 $ in der vernickelten Ausführung. Im Stukenbrok-Katalog von 1931 bezahlt man für das Modell 1920, brüniert, 24,00 Reichsmark (RM). Extrapoliert man diesen Preis, so dürfte das Modell 1920/25 bei rund 30 RM gelegen haben. Eine Walther Mod. 9 kostete zu jener Zeit 31 RM und damit ähnlich wie eine die Melior Mod. 1920/25. Eine mit Gold eingelegte Stichgravur und Perlmutt-Griffschalen, wie bei der in der nachfolgen Bildergalerie gezeigten Pistole, schlug zusätzlich mit rund 18 $ (56 RM) zu Buche, verdreifachte also den Grundpreis annähernd.
Über Produktionszahlen des Modells 1920/25 sind mir keine belastbaren Daten bekannt. Ich gehe aufgrund der Seriennummern davon aus, dass Robar & Cie die Nummerierung des Modells 1920/25 neu begann. Sollten die Seriennummern lückenlos vergeben worden sein, könnten rund 30.000 Pistolen entstanden sein.
Fazit:
Das Modell 1920/25 ist eine formschöne und handliche Taschenpistole mit innovativer Zerlegemöglichkeit, jedoch vergleichsweise vielen Einzelteilen. Mit Blick auf die Einfachheit der Grundkonstruktion würde man wohl eher der Konkurrenz, wie bspw. Walther Mod. 9, Menz Liliput Mod. 1, Schmeisser Mod. 2, Sauer & Sohn Mod. 1933 oder FN Baby den Vorzug geben. Nichts desto trotz gehört das Modell 1920/25 in jede Sammlung belgischer Taschenpistolen.
Abmessungen:

Späte Melior 1920, der Vorläufer zum hier vorgestellten Modell 1920/25.

Zeichnung zum belgischen Patent 259178 von T. Robar zur Griffsicherung. Quelle: Melior & Jieffeco Model 1914

Zeichnung zum belgischen Patent 263491 von T. Robar und Edmond Tart zur Verbindung Verschlussführung und Verschluss. Quelle: Melior & Jieffeco Model 1914
Modell | Länge | Höhe | Gewicht | Kaliber | Magazinkapazität |
1920/25 | 101 mm | 74 mm | 240 g | 6,35 mm Browning | 6 |
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